Samstag, 27. August 2016

Der Tag, an dem alles stimmen musste!

Jeder kennt ihn…den „Tag X“. Der Tag, an dem alles stimmen soll. Bei mir war dieser Tag in diesem Jahr der 20.8.! Und es war kein Tag, an dem alles stimmen sollte, es war ein Tag, an dem alles stimmen musste! Warum? Da gibt es einige Gründe: Ich werde in Zukunft wohl nicht mehr, nur des Sportes wegen, Teilzeit arbeiten. Ich habe finanziell viel investiert (Aerotest/mehrere Leistungsdiagnostiken/2 Trainingslager…). Und vor allem habe ich seit einem halben Jahr jeden Tag in kaum einer Minute nicht an das „perfekte Rennen“ in Kalmar denken müssen. Und das war für die Leute um mich rum teilweise auch nicht so ganz einfach ;) Der Alltag im letzten halben Jahr war definitiv vom Sport bestimmt und mehr wäre sicherlich nicht gegangen. Sofern ich die angestrebte Zielzeit von „Sub 9“ erreichen sollte, habe ich (in diesem Jahr) für jede Rennminute eine Stunde trainiert. Ein Rechenexempel, das verdeutlicht, warum heute ALLES passen sollte. Ich konnte also guten Gewissens mit meiner Freundin bereits zweieinhalb Wochen vor dem Rennen Richtung Schweden aufbrechen, um dem Ganzen auch einen gebührenden Abschluss zu bereiten.

Im Vorfeld des Rennens war es mir wichtig, die nötige Ruhe zu finden, um die Taperingphase so entspannt wie möglich zu gestalten. Dafür haben wir ein traumhaftes Häuschen im „Pippi-Langstrumpf-Style“ gefunden, welches 25km von Kalmar entfernt lag. Das Training wurde weniger, die Spannung und Vorfreude stieg! Die letzten Vorbereitungen sind allesamt top gelaufen. Und dann gab es noch diese eine Einheit…
Perfekter Rückzugsort in der Nachbarschaft von Michel ;)
Laut der Leistungsdiagnostiken prognostizierten mir so einige Leute, dass ich auf dem Rad zu Zeiten fähig sein würde, die ich mir jedoch selbst erst nach „der Einheit“ zutraute: Die Fakten: 3h auf der Insel Öland (Wettkampfstrecke) mit 20 min. Sweetspot (350 Watt) und 1,5h Ironmantempo (270 Watt). Am Ende stand ein 38,2er Schnitt auf der Uhr und ich wusste: Du hast es drauf, eine ganze Zeit lang, ganz vorne mitzumischen am 20.! Dies war definitiv die für mich wichtigste Einheit des ganzen Trainingsjahres (vor allem mental).

Ein klein wenig Kopfzerbrechen machte mir nur noch der Wind, der einen, mit Böen um die 12 Knoten teilweise um 1-2 Meter versetzte. Tag für Tag wurde der Wetterbericht gecheckt…und es kristallisierte sich heraus, dass es am Renntag nahezu windstill, und um die 20 Grad werden würde. Das Glück war auf meiner Seite! Mein Wetter! Zudem kam 2 Tage vor dem Rennen noch weitere Unterstützung, in Form meines Vaters eingeflogen. :) Somit war der Körper, der Kopf und das Material bereit wie nie, für einen Wettkampf

20.8.!
Die Abläufe bis zum Start bin ich im voraus zig mal durchgegangen. Gelflaschen befüllen, Frühstücken, früh genug und ohne Stress losfahren, Rad nochmal checken, Dixi, ein wenig Warmmachen und dann geht es auch schon fast los.

Was wird das Rennen bringen?
Eine Viertel Stunde vor uns wurden die weiblichen Profis ins Rennen in die 16,6 Grad kalte Ostsee geschickt. Ein wenig Bammel hatte ich vor der Temperatur. Beim Abschwimmen eines Teils der Strecke in der Woche zuvor, bin ich nach einer Stunde zitternd wieder rausgekommen. Nun war es noch 1,5 Grad kälter. Also: 2 Badekappen auf und Zähne zusammenbeißen. Um Punkt 7 fällt der Startschuss und schon nach 100m befinde ich mich an der Spitze. Geleitet durch ein Kayak (worüber ich sehr froh war ;) fand ich schnell meinen Rhythmus. Die Kälte und die Quallen? Nix von gemerkt…Wettkampfmodus! Ca. bei km 1,5 überholte mich ein Athlet, dessen Beine ich nicht ganz halten wollte, da mir dies zu diesem Rennzeitpunkt zu anstrengend war. Als 2. kam ich mit einer Zeit von knapp über 50 Minuten aus der Ostsee. Jetzt gabs nur eins: Kontrollierte Attacke. Bereits bei der Ausfahrt aus der Wechselzone befand ich mich auf Platz 1. Es lief!

Bildrechte: Ironman Europe
Nach einigen Kilometern, galt es die Ölandbrücke zu überqueren, die die Insel mit dem Festland verbindet. Die Temperaturen optimal, die Sicht jedoch nicht. Dichter Nebel hat die ersten Kilometer der Radtrecke zu einem besonderen Erlebnis gemacht. Man hat die Zuschauer schreien gehört, bevor man sie gesehen hat ;-) Dann ein kleiner Schock…in den ersten anderthalb Stunden wollte ich 2 Riegel zu mir nehmen, die ich in meinen Wechselbeutel gelegt habe. Und die zu dieser Zeit dort immer noch lagen. Jedoch konnte ich die fehlenden Kohlenhydrate durch die Versorgung unterwegs kompensieren. Dieselben Riegel, nur zu einem anderen Zeitpunkt. Ich sammelte nach und nach die vor mir gestarteten Frauen ein und bei km 70 setzte ich mich dann vor die bis dato Führende, Lucie Zelenkova. Nun durfte ich 110km hinter zig Motorrädern, einem Führungsfahrzeug, und umgeben von lokalen TV –Teams über die Strecke fliegen. Cool bleiben, Junge! Du führst einen Ironman an, ja…aber was zählt, sind die letzten Laufkilometer! Das musste ich mir einige Male sagen. Bei km 100 dann der zweite kleine Schock: Krämpfe. „Jetzt schon? Das kann ja noch lustig werden“, dachte ich mir.
Km 90

Bis dahin konnte ich einen Durchschnitt von knapp über 270 Watt treten. Da ich nicht mehr riskieren wollte, schraubte ich diesen dann etwas runter. Über die Ölandbrücke ging es nun zurück aufs Festland, wo ich mich schon auf den Wendepunkt freute. Tausende Menschen, die nur mir zujubelten. Das war definitiv Neuland für mich und ich genoss es (nicht augiebig :p), so gut ich konnte. Die abschließenden 60km auf dem Festland waren recht abwechslungs- und kurvenreich. Neben den Menschenmassen am Wendepunkt, war es auch immer wieder einmalig, durch die kleinen schwedischen Orte zu fahren, in denen die Bewohner sich mit Grill und Tischen an die Straße gesetzt hatten und auf mich warteten! Wow! Das erste Mal, dass ich erfuhr, wieviel Vorsprung ich hatte, war an einem Wendepunkt bei km 150. Und ich dachte, ich sehe nicht richtig…es kam und kam mir keiner entgegen. Nach weiteren 30km fuhr ich schließlich nach 4:38h über die 182km lange Strecke in die zweite Wechselzone ein. Auch bis jetzt lief alles nach Plan. Schneller Wechsel und dann gings zunächst durch die Stadt, in der ich einige km Gänsehaut hatte.

Bildrechte: Cristian Brolin
Die Laufstrecke war aufgeteilt in 4 Runden a 14km, davon ca. 3km durch die Innenstadt und Einkaufsstraßen von Kalmar, in denen ich aus jeder Ecke angeschrien wurde. Plan war nun, locker zu starten und dann nach ca. 3km einen Schnitt von 4:43min/km anzupeilen. Die Uhr zeigte dann eine 4:30-4:40, was für die Situation in Ordnung war, so dachte ich. Die Führung durfte ich noch bis ca. km 10 genießen. Mir war klar, dass die anderen Jungs nun näher und näher kommen würden.
 
 
Leider konnte ich ab km 18 den geplanten Schnitt nicht mehr aufrecht erhalten. Woran es lag? Das dürft ihr mir gerne sagen. Am Rad überzockt habe ich nicht, viel zu schnell angelaufen bin ich auch nicht. Ab km 25 half dann nur noch Cola weiter. Die letzten Kilometer waren sicherlich die härtesten, die ich je erlebt habe: Wenn man merkt, dass es eng wird unter neun Stunden zu finishen, dann setzt man alles dran, dass es irgendwie klappt und hofft, dass die Beine mitspielen und man nicht von Krämpfen geplagt umfällt! Aber sie haben mitgemacht und das Gefühl, 29 Sekunden unter dem selbst gesetzten Ziel durch den Zielbogen zu laufen, ist unbeschreiblich.
Fairerweise möchte ich anmerken, dass in Schweden keine männlichen Profis am Start waren. Ansonsten wäre ich sicherlich nicht in den Genuss gekommen, ein Ironman Rennen über fünfeinhalb Stunden anzuführen. Das war der Wahnsinn! Und besonders Spaß gemacht hat es, danach eure ganzen Glückwünsche zu lesen.

Papa war auch "am Start"!!!

13. Gesamt, 2, AK 30, 8:59:31h und die Hawaii Quali!

Einen maßgeblichen Anteil an dem Gelingen des „perfekten Tages“ haben natürlich alle, die mich in dem Vorhaben unterstützt haben: Meine Freundin (die sich nur ein einzigen Mal!!! darüber beschwert hat, dass ich nix anderes mehr im Kopf habe, als Sport ;-), meine Eltern, und meine Sponsoren und Partner.

Nun geht es am 1.Oktober nach Hawaii, um ein zweites Mal das „Aloha Feeling“ zu genießen. Noch eine Woche wird sich erholt, um dann mit einem Sprint in der 2. Bundesliga für das Kölner Triathlon Team 01 wieder voll einzusteigen in einen kurzen Belastungsblock!


Mahalo fürs Lesen! Euer Marco



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen